International Society for Jazz Research

Neue Gedanken zur alten Gospelgeschichte

Das heute allgemein verbreitete Gospel ist eine Schöpfung vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Vor dem kontemporären Gospel bestanden ältere Gospelformen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Von denen gibt es in verschiedenen Gebieten Nordamerikas gegenwärtig noch immer lebendige Verwendungsformen. Sie sind Gemeindegesang anglo-amerikanischer und afro-amerikanischer Reformkirchen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert und zeichnen sich durch ältere Gestaltungsformen wie "Lining out" oder "Deaconing" aus, besitzen modale Tonstrukturen, extensive Ornamentierungstechniken und nichtfunktionale Mehrstimmigkeitsformen spätmittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Herkunft. Ihre Texte benützen altengliche silbenzählende Versformen, ihre Melodien entstammen teils altenglischem, schottischem oder walisischem Volksliedgut, teils einem komponierten Melodienschatz des 17. bis 19. Jahrhunderts, welcher britisches Allgemeingut ist, leicht memorierbare Signaturnamen hat und sich aufgrund seiner Rhythmik für Texte mit silbenzählender Metrik verwenden läßt. Gleiche Formen kirchlichen und familiären Gemeindegesangs gibt es gegenwärtig noch in dessen ursprünglichen Herkunftsgebieten in Schottland und auf den Hebriden, wo sie sich gälischer Sprache und mehrstimmigen Choralgesanges bedienen, geschmückt mit reicher ornamentaler Verzierung der Einzelstimmen. Diese "alte Singweise", "The Old Way of Singing", wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts aufgegeben und durch das individuelle und gemeinschaftliche Singen "Note für Note" ersetzt, "The Regular Singing" des Neu-Englandstils. Dessen 3–4stimmige Setzweise der Psalmen- und Hymnentexte mit schmucklos auskomponierten Melodien erhielt weitgehend die Bezeichnung "Sacred Harp Singing". Da mit dem Aufgeben der alten Singweise zunächst noch keine Abwendung von den Texten und Inhalten des Alten Testamentes verbunden war, wurden die neuen Gemeindelieder vielfach mit der biblischen Bezeichnung "geistliche Gesänge" belegt, d. i. "spiritual songs" oder einfach "Spirituals". Erst als spätere Generationen für ihren Gemeindegesang sich Inhalten und Texten des Neuen Testamentes zuwendeten, kam für dessen Benennung der Begriff des "Evangeliums" sowie der "Frohen Botschaft" auf, d. i. "Gospel".