Jazz Culture in the Thirties
"Kansas City, Here I Come!"
In der Geschichte des Jazz markieren die dreißiger Jahre in vieler Hinsicht eine entscheidende Phase der Diffusion afroamerikanischer musikalischer Ausdrucksformen in die Populärkultur des "American Mainstream". Häufig wird davon gesprochen, daß sich in der gemeinhin als "Swing Era" bezeichneten Zeitspanne zwischen den ausgehenden "Golden Twenties" und den späten Kriegsjahren die Entwicklung eines ethnospezifischen Komplexes schwarzer Volkskultur zu einem weitgehend industriell genormten Gebrauchsartikel auf dem gesamtamerikanischen Unterhaltungsmarkt vollzog. In der Tat muß der durch die sozioökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen der "Great Depression" beschleunigte Übergang zu industriellen Modi der Produktion und Distribution von Jazz als gravierender Einschnitt gewertet werden. Dies umso mehr, als der infrastrukturelle Wandel untrennbar mit entscheidenden Veränderungen von ästhetischen Konzeptionen und musikalischer Praxis innerhalb dieses Genres verbunden war. Trotzdem wäre es simplistisch, hier einen linearen Prozeß der Popularisierung, Kommerzialisierung, "Verweltlichung" und damit "Enteignung" eines zentralen Elements afroamerikanischer Kulturtradition zu postulieren. Dementsprechend versucht der vorliegende Artikel zu differenzieren: ausgehend von der Konzeption einer "jazz culture" als integriertem System von Verhaltensweisen, Interaktionsformen, Kommunikationsstrategien und Bedeutungskomplexen in historisch erfaßbaren Kontexten, soll eine "thick description" der komplexen Interrelationen von infrastrukturellem, sozialem und kulturellem Wandel in der Entwicklung des Swing erarbeitet werden. Den Angelpunkt der Diskussion bildet hierbei das Problem der Entstehung der regionalen Subkultur der Southwestern Swing Tradition in ihren krassen formalen und inhaltlichen Gegensätzen zu Konzeption und Realisierung schwarzer Musik an der Ostküste. Anhand einer Untersuchung der historischen, ökonomischen und soziokulturellen Bedingungen afroamerikanischer Musik im Kansas City der dreißiger Jahre soll so gezeigt werden, wie musikalische Formen als Träger von Bedeutungen einerseits auf gewisse Kategorien der Erfahrung historischer soziokultureller Realitäten verweisen, andererseits aber - im interpretatorischen Bezugsrahmen (sub)kultureller Weltbilder - gleichzeitig auch Strategien für die Auseinandersetzung mit diesen Realitäten implizieren. Besondere Beachtung wird hierbei dem Phänomen des "Stils" als Präferenz für spezifische Modalitäten musikalischer Kodierung geschenkt. In Anlehnung an neuere kommunikationstheoretische Ansätze werden einige stilistische Merkmale des Kansas City bzw. East Coast Swing auf grundlegende Kodierungsprinzipien hin untersucht und in Relation zu charakteristischen Rollenoptionen, Interaktionsformen und Mitteilungsstrategien in den betreffenden soziokulturellen Kontexten gesetzt. Damit wird eine Perspektive entworfen, die es ermöglicht, die semantischen und pragmatischen Funktionen musikalischer Ausdrucksweisen und der mit ihnen assoziierten Formen kreativen Gruppenverhaltens als Teil von unter verschiedenen Umweltbedingungen unterschiedlich verlaufenden kulturellen Adaptionsprozessen aufzufassen. Ziel dieser Interpretation ist es, darauf hinzuweisen, daß die Ausprägungen des Southwestern Swing bereits Jahre vor der eigentlichen Reaktion auf die Vereinnahmung afroamerikanischer expressiver Kultur durch die amerikanische Unterhaltungsindustrie in der "Bebop-Revolution" ein schwarzes kulturelles Selbstverständnis repräsentierten, dessen musikalischer Ausdruck die ethnokulturellen Abgrenzungsbestrebungen der späten vierziger und fünfziger Jahre bereits antizipierte.