History, Racism, and Jazz
The Case of Lester Young
Während Journalisten, Kritiker, Biographen und Musikwissenschaftler den Jazz und seine Bedeutung für die Afro-Amerikaner, die Amerikaner und die übrige Welt schon lange dargestellt und untersucht haben, steht eine sorgfältige Bearbeitung seiner geschichtlichen Aspekte durch amerikanische Historiker noch aus.
Um darzulegen, welche Ergebnisse von einer detaillierten historischen Betrachtung des Hintergrundes auch einer Einzelperson erwartet werden können, hat der Autor den Tenorsaxophonisten Lester Young herausgegriffen, von welchem bekannt ist, daß er ein besonders auffallendes Sozialverhalten an den Tag gelegt hat.
Die Studie setzt mit einer Darstellung der Familie Young in der Eltern- und Großeltern- Generation ein und zeigt die sozialen und kulturpolitischen Verhältnisse, in welchen beide Generationen zu leben gezwungen waren. Diese waren geprägt von Rassendiskriminierung, wirtschaftlicher Unterprivilegierung und sozialer Ablehnung. Daraus resultierten Verarmung, Unsicherheit und Angst.
Bereits die Eltern Lester Youngs waren gezwungen, eine Wander-Existenz zu führen, da sie gegenüber verschiedenen Lynchpogromen in ihrer Nachbarschaft Fluchtreaktionen zeigten. Lester Young wird als Heranwachsender in einem permanenten Zustand sowohl der Angst wie der Zurückziehung in sich selbst gezeigt. Dazu wird als historischer Hintergrund die Geschichte der Rassendiskriminierung in den Gebieten dargestellt, in welchen L. Young mit seiner Familie jeweils lebte.
Die Konsequenzen dieser Erfahrungen waren einerseits ein eindeutiger Eskapismus bei Lester Young, der ihn schon in jungen Jahren dazu brachte, sich von der Familie zu entfernen und eigene Wege zu suchen, die ihn möglichst nicht in die Nähe der "weißen" Gesellschaft brachten; andererseits entwickelte er als Schutzmaßnahme sein bekanntes "scheues" Verhalten, das ihn selbst dann nicht mehr verließ, wenn er sich außerhalb der USA aufhielt, wie am Beispiel eines Interviews in Frankreich gezeigt wird.
So hat möglicherweise die historische Situation und Erfahrung dazu geführt, daß der Künstler Lester Young zu eben seinem ganz persönlichen Eigenstil gefunden hat; darüber hinaus jedoch war sie verantwortlich für ein zutiefst zurückgezogenes Leben, eine Verweigerung freier Verwirklichungschancen, auch die Flucht in Drogen und den Abbruch von Kontakten zu großen Teilen der Gesellschaft, die für das künstlerische Werk des Betroffenen von Bedeutung sein konnten.
Im Grunde ein romantischer Idealist, voller Gutwilligkeit und nichtmaterialistischer Vorstellungen, fühlte sich Lester Young von der Welt der Konformisten und Geschäftemacher ausgestoßen, die genau jene Eigenschaften als angebliche Ideale vorgaben, die er selbst am meisten verkörperte.