The Roots of Afro-American Gospel Music
Das neuerliche Interesse an der sogenannten Gospelmusik läßt der Frage nach ihrer Herkunft und Bedeutung neues Gewicht zukommen. Vor allem sollte anhand der bisherigen, meist recht verstreuten Literatur Übereinkunft darüber hergestellt werden, was, im Gegensatz zu ihren weltlichen Gegenstücken Blues und Soul-Musik, unter Gospel zu verstehen ist. Bisherige Definitionen wie etwa die von Godrich & Dixon, A. Shaw, J.W. Work, R. A. Waterman etc. berücksichtigen meist nur Teilaspekte des Gospelmusizierens. Der Autor stellt nach einer kurzen Diskussion der Arbeiten von T. Heilbut, A. Bontemps und S. Charters sieben eigene Kriterien zur Bestimmung des Gospels auf:
- Gospelmusik dient der Unterhaltung ebenso wie der religiösen Erbauung;
- Gospelmusik verändert sich ständig in Inhalt und Stil;
- Gospelmusik bezieht alle Arten religiöser und weltlicher Musik ein, ihre Interpreten sind oft auch gleichzeitig in den anderen Musikbereichen tätig;
- Gospelsingen wird zumeist instrumental begleitet. Gospelmusik wird daher auch zu Papier gebracht und durch Druck verbreitet. Dazu kommen ab ca. 1920 Schallplatten, später Radio, weniger Fernsehen.
- Gospelmusik hat einen entschieden kommerziellen Aspekt. Sie wird professionell geprobt und in Konzerten für Geld aufgeführt. Der Erlös dient sowohl karitativen als auch persönlichen Zwecken. Er hilft außer den Kirchen auch dem sozialen und wirtschaftlichen Fortkommen der Musiker.
- Gospelmusik wurde gegen den Widerstand älterer und konservativer Gemeindemitglieder als "weltliche" Zutat erst allmählich in die Gottesdienste der Afro- Amerikaner eingeführt. Sie wurde teilweise als Konkurrenz zu der beherrschenden Rolle des Predigers verstanden.
- Durch Einbeziehen älterer religiöser Musikformen in das Gospelrepertoire sowie durch Gewöhnung der Gemeindemitglieder an besondere erfolgreiche Gospelstücke erfolgte schließlich seine allgemeine Anerkennung.
Eine weitere Wurzel ist in der Musizierpraxis der Pentacostal- und Heilungskirchen zu sehen. Sie bevorzugten kräftige Rhythmik, hatten immer Instrumentalbegleitung, pflegten die alten Responsorialformen mit Kantor und Chor und Händeklatschen. Auch der Einfluß der Sacred-Harp-Tradition unter den Afro-Amerikanern darf nicht übersehen werden. In ihr sind besonders einige funktionale Eigenschaften der (späteren) Gospelmuslk vorgebildet.
Abschließend gibt der Autor einen knappen historischen Überblick zur Gospelgeschichte. Ring Shouts, Spirituals, Hymnen und Gemeindegesang sind die älteste Schicht dieses Musizierens. Sie wurde durch die Jubileesingers eingebracht. Ab etwa l890 tritt die Technik der Barbershop-Quartette im religiösen Bereich auf. Fast gleichzeitig erscheinen auch erstmals die musikalischen Züge der Pentacostal- Kirchen. Zwischen 1901 und 1906 tritt mit C. A. Tindley der erste Komponist von Gospelmusik auf. Ihm folgte in den 20er Jahren Th. A. Dorsey. Letzterer war ursprünglich Bluessinger und brachte starke Blueselemente in die Gospelmusik. Durch gitarrenspielende Straßensänger wurden diese noch verstärkt. Danach sind Einflüsse aus dem Jazzbereich erfolgt, wobei in den 50er Jahren der Vorgang sich zeitweise umkehrte, indem Gospelelemente zur Entstehung von Souljazz beitrugen.
Gospelmusik präsentiert sich weitgehend als soziales Aufstiegsvehikel. Ihre Anfänge liegen noch in der Sklavenzeit, ihre Entwicklung lief permanent in die Richtung religiöser Bedürfnisbefriedigung der schwarzen Mittelklasse. Viele moderne Gospelsinger sind kommerziell erfolgreich und verfügen über alle Statussymbole des schwarzen Establishments. So gesehen hat das dynamische Wechselspiel zwischen volkstümlicher Tradition und dem Bedürfnis nach sozialem Aufstieg der Gospelmusik über die Jahre permanent zur Weiterentwicklung verholfen.